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Fedora, B

Im zweiten Akt ist diese Dame mit ihrer Cousine in Paris zuhause und hält Hof für Gesandte, Kommissare, Spione, Diplomaten und Künstler – Ihresgleichen. Mit ihrer der emigrierten Fürstin celebriert sie ein saloppes lebenslustiges Salonleben, das mit hübschen Parodien auf Männlein und Weiblein und auf ihre besonderen Eigenarten und Vorzüge persiflierend zielt. Aber Fedora lauert weiterhin auf Rache. Sie hat den Mörder ihres Mannes durch den Schwiegervater-Polizeichef bereits ausfindig gemacht und als Gast geladen. Nun belauert sie den Grafen Loris Ipanov ingrimmig. Sie hat ihn in ihre Gesellschaft aufgenommen, ohne ihre Identität zu verraten und wartet auf den richtigen Moment, um ihm sein Geständnis zu entlocken. Und um das Ziel zu erreichen, versucht sie, ihn zu verführen, sich in sie zu verlieben.

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Die Wunderkammer, B

Die Bühne ist im Halbdunkel gehalten, von Zeit zu Zeit mit grellem Licht, Scheinwerfern, Neonröhren gezielt und punktuell auf die Tanzszenen ausgerichtet. Die Leuchtkörper heben und senken sich und tauchen und umhüllen die Gruppe, auch vereinzelt wie in der Pyramidenspitze, die sich akrobatisch formiert hat. Die Aufführung beginnt mit einem langen Satz “Prelude of a broken Akkordeons” und einer fast bängstigenden Einbindung des Publikum, dem die Tänzer, wohl auch Tänzerinnen – obwohl hier eher kostümiert und maskenartig Unisex in den schlanken, abstrakten Figuren vorgesehen ist – , ein Ansturm also auf das Publikum, das sich kreischenden, düsteren Tönen und Gesichtern jäh frontal gegenübersieht, ihren aufgerissenen Mündern und geheimnisvollen wilden Gestikulationen.

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Die Marquise von O.und – B

Der theatralische Kniff, den Kleist sich als guter Dramatiker um die Wirkungs der Ereignisse wissend erlaubt, ist großartig. Denn als der Graf als damaliger Offizier die Dame einst im Feuer der Festung in Sicherheit vor einer Horde marodierender Soldaten in Sicherheit brachte und – wohl ihrem Reiz ebenso unkontrolliert wie unmoralisch unmittelbar erlag – und sie in den Schwangerschaftszustand versetzte, hatte ja viel Ehre auf dem Schlachtfeld wohl erlangt, aber für sich selbst in seiner erwachten Schuldigkeit alle Hoffnung verloren, diese Tat wieder gutmachen zu können. Als er sich stellen will, wird er nicht einmal angehört und als Bewerber akzeptiert. Welch ein Hohn, welch glänzende Rache, welche Selbstbewußtsein einer Frau vor 200 Jahren! Allerdings sollte man hier nicht die Tatsache außer Acht lassen, dass es adeligen Frauen selten an Selbstachtung ermangelte!
Das hätte m.E. den Kern dieser inszenierung ausmachen sollen: die Heldin, die sich weigert, Gnade anzunehmen!

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Lady Macbeth von Mzensk,B

Eine graue Wand, ein grauer Boden, ein großes Bett, spartanischer geht es nicht, und das ist genau die Atmosphäre jener Tage der tristen Daseins von ausgebeuteten Leibeigenen, kleinen Leuten und versklavten Frauen und Ehefrauen. Das ist die Welt, die Stalin nicht ertragen konnte, weil er sie nach seiner Utopie ändern wollte, sie aber nach und nach mit Todesurteilen, Verbannungen und Verboten vollends zestörte. Als Schostakovitsch die “Lady” komponierte, war er vielleicht zu jung und naiv, obwohl gerade seine 1930 uraufgeführte urkomische “Nase” nach Gogol wohl erfolgreich, aber nicht unkritisiert geblieben war und bereits das Stigma des Formalismus und der bürgerlichen Dekadenz trug, er war gerade 24 Jahre alt, frisch verheiratet und wahrscheinlich ziemlich verliebt. Denn dass diese bombastische, explosive, dramatisch vernichtende wie erotisch aufflammende Musik einen dermaßen lebensverneinenden Despoten wie Stalin nicht begeistern würde, hätte er wissen müssen. Und so komponierte und inszenierte er in sein lebenslanges Unglück direkt hinein.

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Die Gehaltserhöhung, B

Der französische Autor hat ein charmantes Dramulett daraus gemacht und es einem einzelnen Schauspieler ans Herz und auf die Zunge gelegt, die Leiden eines treuen, schüchternen Angestellten aufzuzeigen, der in verschiedenen Anläufen schweißtreibend, mal ermutigt, meistens aber entmutigt, sich letzendlich doch nicht mit schönen Phrasen vertrösten und abspeisen läßt und den sich allmächtig gebärdenden Abteilungsleiter, nachdem er ihn endlich erreicht hat und ihm seine Bitte mühsam stotternd angetragen hat, nicht aus der Verantwortung läßt. Immer wieder versucht er mit harten, enervierenden Anläufen, vorbei an der stupiden Sekretärn, die stoisch tippend am Vorzimmerpult ihr Dasein emotionslos fristet, zum unerreichbaren Abteilungsleitergott durchzukommen – aber der Weg ist weit und beschwerlich.

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Lady Macbeth von Mzensk, OL

Wie soll man diese außergewöhnliche Stimme von Shelley Jackson beschreiben, die als Katerina Lwowna Ismailowa die geschundene Kaufmannsgattin spielt, unter der Fuchtel des gierig-geilen Schwiegervaters Boris, einem impotenten Ehemann und einem wütenden Arbeitermob steht, der sich nicht scheut, das Hausmädchen en masse zu vergewaltigen. Diese Katarina ist selbst tongewordenes Elend, das klar und machtvoll aus ihr heraus herausbricht, mit nachklingendem Schmerz, tobend gefährlich, leidenschaftlich zerstörend, sehnsüchtig leuchtend als Liebende. Und sie zeigt uns nicht nur, welche Demütigungen sie als „nutzlose“ geächtete arme Schwiegertochter zu erleiden hat, sondern auch und vor allem immer wieder ihren Gemütszustand –von gähnender Langeweile- die sie fast erdrückt – ebenso wie die unendliche Frustration einer jungen unbefriedigten Ehefrau in einem leeren Leben, dessen Sinn sie verzweifelt sucht – und dann jäh findet in dem neuen Arbeiter des Guts, einem handfesten, um nicht zu sagen derben, aber sicher gerissenen und eigennützigen Frauenhelden und Draufgänger. Für den schnell herbeigezauberten russischen Gastsänger, der die Rolle in originaler Sprache sang, mochte das so wenig emotional reagierende Publikum (So etwas wie Szenenapplaus gibt es nur ganz selten im Staatstheater und auch das nur bei jungem Leuten) vielleicht eine Enttäuschung sein. Aber er war schon in allem eine echte Bereicherung, von stattlicher Figur und von vital-rauher Ausstrahlung. Sergej, der selbst die blutigen Peitschenhiebe des neid- und hasserfüllten Gutsherrn Boris erträgt, um diese schöne Frau zu besitzen und mit ihr eines Tage sogar Haus und Hof zu erben, sobald auch der Ehemann irgendwie ausgeschaltet sein wird…

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Alte und neue Operndramen zum Jahresauftakt 2026,B

An den Opernbühnen in Berlin herrscht im Januar Hochbetrieb: Konjunktur für Dramen von u.a.Verdi,  Schostakowitsch, Giordano, Korngold, Schreker – Deutsche Oper und Komische Oper. Erlebt und durchkomponiert in vielerlei inszenatorischen Facetten, mit herausragenden Bühnenbildkonstruktionen, mal fantastisch überbordend, mal minimalistisch. Die eine Regie gibt dem psychologischen Tief musikalischen Vorrang, bei anderen sind Bildtechnik, Stimmführung und Orchesterklang absolut kongruent. Der eine Inszenierung  bestimmt den absoluten musikalischen Gewinn, präferiert das Hörerlebnis, die andere durchleuchtet theatralisch den Bezug von Geschichte und Gegenwart von  Grund

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Eine Minute der Menschheit, B

“Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz” Stanislaw Lem
Es ist eine Vision (wie auch bei Orwell), die uns heute grausamerweise beinahe schon als Realität erscheint, und man wird das Gezeter auf der Bühne letztlich als ein Spiegelbild unserer Zeit, ihrer Kolumnen und unentwegt sich selbst beruhigenden Wissenschaft erkennen könnten. Dabei gilt es, das Lemsche System zu verdeutlichen, das auf einer Betrachtung des ursprünglichen Zustands der Menschheit beruht, die sich in ihren Entwicklungsphasen als unfähig erwies, sich zu begrenzen und einzuschränken, in einem fort voranstrebte, ohne jemals die Konsequenzen aller Forschung und Entwicklung aus der Vergangenheit als Warnung vor einer letzendlich sich selbst vernichtenden Bedrohung zu beachten. Eine lebendige, oft verwirrende Inszenierung, die aber letztlich der Skurrilität einer überbordenden Vision erliegt.

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