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Candide oder Der Optimismus, HB

Leonard Bernstein läßt die lange Zeit verfemte Gesellschaftssatire des französischen Schriftstellers und Denkers Voltaire in musikalischer Bildsprache auferstehen und umgibt sie mit einer Virtuosität, die, wie gewohnt, zwischen Musical, Oper, Operette immer einfühlsam, zuweilen zärtlich, dann wieder grell-katastrophal changiert und hohe wütende Wellen auftürmt, wenn es an physische, psychische und moralische Grenzen geht. Die Bremer Inszenierung läßt die Erzählung des Franzosen in der Neufassung von John Caird aus dem Jahr 1999 in großer Orchesterbesetzung der Scottish Opera Version spielen, die den Handlungsablauf strafft und sich auf die philosophische Auseinandersetzung konzentriert. Ein phantasievoller, farbenprächtiger Bilderreigen mit so viel Lebendigkeit, dass man beinahe vergißt, dass es sich hier um eine philosophische Auseinandersetzung von Leben und Tod handelt.

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Die Entführung aus dem Serail, OL

Mozart modern – dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn diese Inszenierung wirklich etwas Neues brächte, eine Geschichte zauberte, die der Liebe ebenso gerecht wird wie sie in so überwirklichen Tönen herbeigezaubert wird, und die den Machthunger und die Besitzgier einer modernen ( oder anderen, fremden) Gesellschaft überwinden und besiegen kann. In der historischen Entstehungsgeschichte von Mozarts phantasievollem Kostümspiel, das sich spielerisch und witzig in jener Zeit gegen die Türken wenden durfte, die ja sich aufgemacht hatten, das Abendland zu bekämpfen, ist die Überzeichnung des bösen Haremswächters und des Herrschers über Frauen und Eunuchen sicherlich herzlich bejubelt worden. Später wurde die Oper immer wieder in neuen Variationen inszeniert, mal gut, mal weniger, aber die Musik bleib: ein Strom von in Noten gegossenen Gefühlen. In Oldenburg wurde es zu einer relativ unaufgeregten Geschichte eines wohlhabenden jungen Mannes, der Belmontes Braut in seine Partyvilla in den Bergen entführt und sie nicht nur besitzen will, sondern sogar liebt. Und Konstanze ist sich nicht so ganz sicher, für wen sie sich nun also entscheiden soll. Da die Oper ihr nun mal vorgibt, dass sie Belmonte nehmen soll, geht es vornehmlich um diesen Konflikt. Das ist alles hübsch gesungen und vortrefflich von Chor und Orchester begleitet sowie auf zweieinhalb Stunden reduziert, und das ist auch genug. A.C.

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Fremdes Haus, HB

Die Inszenierung ist gruselig und grausam. Ein indischer Slum ist geradezu eine Wohlfühlzone gegen diese Kanalrattenwohnwelt, in der die Häuser fensterlos und die Menschen hoffnungslos sich selbst und anderen das Leben so schwer wie möglich machen. Auf der gefluteten Bühne waten krass geschminkte Frauen und Männer im schmudeligen Wasser herum, in abgerisssener Kleidung und unter brutal harten Rhythmen. Ihre Perspektivlosigkeit lassen sie wie ein Schwarm Hornissen an dem zunächst einzig Unschuldigen aus, der jäh in ihr “Viertel” eindringt und sich als Verwandtschaft herausstellt: Jene hat seine Heimat Mazedonien verlassen, um bei den Verwandten im scheinbar goldenen Westen Asyl zu finden. Da ist Risto, ein früherer Freund von Jenes verstorbenen Vater, jetzt ebenso erfolglos wie verwahrlost; dessen Frau Terese gibt sich fürsorglich, eine Prostituierte naturgemäß zugänglich, die Cousine anschmiegsam und der angeheiratete Cousin feindlich. Damit sind zunächst einmal die äußeren Verhältnisse geklärt.
Was sich nach und nach als Familien- und Seelendrama entblättert, hat als Inszenierung das Manko einer nur unzureichenden dramaturgischen Bühnenversion eines Romans, ist aber als Theaterstück geschrieben. Dafür sind die Dialoge zu schmal, und die Monologe sprengen intellektuell und in ihrer epischen Länge den ohnehin schlaffen Spannungsbogen der Handlung. Dass man angesichts der furchtbaren prekären Verhältnisse, der Brutalität, der wütenden und hasserfüllten, sich in vorwiegend gossensprachlichem Jargon angiftenden Menschen. Dass man angesichts der furchtbaren prekären Verhältnisse, der Brutalität, der wütenden und hasserfüllten, sich in vorwiegend gossensprachlichem Jargon angiftenden “Familienmitglieder” ebenso fasziniert wie ungläubig diesem menschlich unwürdigem Dasein zuschaut, ist allein den hervorragenden Darstellern gezeitigt. Sie werfen sich mit aller schauspielerischen Kraft, die ihrem Rollenverständnis glaubhaft entspricht, in das Seelenmassaker, das persönliches Versagen in ein politisches sund soziales Umfeld stellt, ohne dieses allein verantworltich zu machen.

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Lady Macbeth von Mzensk, HB

Leidenschaft im Schaumbad

Die erste Opern-Inszenierung in der neuen Saison ist musikalisch ein explosives Furioso, bietet aber auch mit heiteren und himmlisch harmonischen Einschüben schillernde Abwechlung, wohl ganz im Sinne seines genialen Komponisten. Doch was sich da auf der Bühne in Bild und Darstellung zwischen Waschküche und ewig schleudernder Trockentrommel, biederer Wohnstubenenge und martialisch verkommener Arbeiterumkleide abspielt, zeigt sich nur wenig kongruent mit der hochdramatischen tragischen Liebes- Lebens- und Leidensgeschichte der jungen schönen Industriellengattin: Katerina Ismailowa hat es weder verdient , für ihre vulkanhaft aufbrechenden Gefühle, ihr emanzipatorisches Aufbegehren und ihren Kampf um Gleichberechtigung in eine Waschküche mit einer schaumüberquellenden Wanne hinter Plastikvorhang und billigen Plastiblumen gesteckt zu werden, wo ihre erotische Erfüllung vielleicht als Schaumgeborene ihren kunstvollen Effekt hätte, noch einen Lover, der in voller Werkstattmontur eine Bohrmaschine als ständige Begleitung neben sich herschleppt, die er nur kurz zur Seite stellt, um zu ihr in die Wanne zu steigen! – Faszinierend in ihrer schauspielerischen und stimmlichen Variationsfähigkeit sind Nadine Lehner als Lady und nach wie vor Patrick Zielke als sadistischer Patriarch eines industriellen Imperiums, in dem die Menschen nicht besser als Sklaven gehalten werden. Starker Beifall für Dirigent, Orchester und Bühnenmannschaft, vorrangig natürlich für das großartige Sänger- und Chorensemble.

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Carmen, OL

Bereits die ersten rasanten Takte lassen im Vorspiel den tödlichen Stierkampf und das Schicksalsmotiv Carmens aufflackern: hier glüht ein Schicksalsdrama bester Opernschule. Seit seiner Wiener Uraufführung schlägt dieses Drama die Menschen in seinen Bann, was sein Schöpfer, der früh an einem Herzleiden starb, nicht mehr erleben konnte. In unzähligen Variationen, stimmlichen Höhenflügen, orchestralen Glanzvorstellungen lief die Leidenschaft der liebeshungrigen Zigeunerin Carmen und ihres blind-wütig besessenen Liebhabers Don Josè seit beinahe anderthalb Jahrhunderten über die Bühnen der Welt. Und wer Sorge um die bleibende künstlerische Kraft dieses erbarmungslosen Liebes- und Lebenskampfes hat, wird mit jeder neuen Inszenierung – sei es die überdimensionale Spielkartenversion am und im Wasser der Bregenzer Festspiele oder die intime, sich sogartig verdichtende Fassung am Oldenburger Residenztheater – immer wieder der Faszination dieses genial aufgebauten Spiels erliegen.

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La Damnation de Faust, HB

Theater pur, atemberaubende Dramatik, Musik unter Stromspannung, Sänger besitzergreifend, fesselnde Inszenierung in allen Welten, Bühne im bizarren herzlosen Fantasieland, Kostüme klinisch kalkweiß gleißend oder höllenhexenschwarz, Chöre spielerisch biegsam, Kinderchor als Hexenbrut originell, Videos mit Publikumseinbindung verstörend und faszinierend. Zuschauer hingerissen.

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